© Frank J. Richter, Juni 2004

Es ist ein offenes Geheimnis, dass ein Galopprennpferd bei unterschiedlichen Geläufzuständen unterschiedliche Rennleistungen zeigt. Einige scheinen sogar ausgewiesene Spezialisten für bestimmte Geläufzustände zu sein, die nur bei „schwerem“ oder „tiefem“ Boden oder auf der Sandbahn in die Platzierung laufen oder gewinnen können. Nicht zuletzt aus diesem Grund werden in offiziellen Nachschlagewerken von Rennergebnissen die „Bodenverhältnisse“ am jeweiligen Renntag dokumentiert. Sie werden seit einigen Jahren durch ein standardisiertes Messgerät (sog. Penetrometer) möglichst objektiv gemessen.

Die Gründe für solches Spezialistentum sind noch nicht eindeutig geklärt. Unter Vollblutexperten und Fans von Galopprennen kursieren verschiedene Erklärungsansätze für dieses Phänomen, die zumeist in Richtung „Exterieur“ des Pferdes gehen. Hierbei sollen „kleine / leichte“ Pferde mit „großen“ Hufen angeblich auf durchlässigen Geläufverhältnissen „großen / schweren“ Pferden mit „kleinen“ Hufen überlegen sein. Was nun jeweils „groß“ und „klein“ ist, ist natürlich undefiniert und wie Vieles in Galopprennsport und Vollblutzucht eine Wertung nach subjektiven Eindrücken des Betrachters.

Andererseits sollen „Endspeedpferde“ den „One-Pacern“ oder „Ploddern“, die nur ein Tempo gehen können und nur über ein bescheidenes Beschleunigungsvermögen verfügen, auf „schwerem“ Boden unterlegen sein, insbesondere wenn sie jenen gegenüber ausschreibungsbedingt höhere Renngewichte tragen müssen.

Wie bei manchen rationalen Erklärungsversuchen im Vollblutsport wird wohl die Lösung in nicht nur einer Ursache liegen, sondern im konkreten Fall eine Kumulierung verschiedener günstiger / ungünstiger Einflussfaktoren eine Rolle spielen.

Im „Volksmund“ des Galopprennsports werden die Geläufpräferenzen von Rennpferden oft auch mit ihren jeweiligen Vätern in Verbindung gebracht. So sagt „man“ beispielsweise den Kindern des hervorragenden Schlenderhaner Deckhengstes Monsun eine auffallende Präferenz für zumindest „weichen“ Boden nach.

Sofern Exterieur-Merkmale die individuellen Geläufpräferenzen von Rennpferden mit beeinflussen, liegt der Rückschluss auf den erblichen Einfluss des Vaterpferdes nahe. Natürlich wird ein erblicher Einfluss auch von der mütterlichen Seite möglich sein, aber wie fast immer in der Vollblutzucht können halbwegs aussagekräftige und „gesicherte“ statistische Daten nur über die Vielzahl der Nachkommen eines Vaterpferdes und nicht über die relativ wenigen Nachkommen einer Mutterstute gewonnen werden.

Da die momentanen Wetteraussichten andeuten, dass auch in diesem Jahr das Deutsche Derby wieder auf „weichem“ oder „schwerem“ Boden ausgetragen wird, soll anhand von drei bedeutenden Vererbern in der deutschen Vollblutzucht – Lomitas, Monsun und Tiger Hill - die im diesjährigen Derby wohl mehr als einen Teilnehmer stellen werden, eine kleine statistische Auswertung durchgeführt werden (Bodenpräferenzen der Derby-Kandidaten wurden im Heft 3 der „Studien zum Vollblutsport“ bewußt nicht berücksichtigt, weil darin unterstellt wurde, dass ein Klassepferd – also auch der zukünftige Derbysieger – auf jedem Geläuf zurechtkommen muß. Die Erfahrung lehrt aber, dass bei extremen Geläufverhältnissen auch die Wahrscheinlichkeit für überraschende Zieleinläufe im Derby steigt. Erinnert sei hier nur an den 1108:10-Außenseiter Arcosanti als Zweiter im Jahre 1980 oder an Roberticos’ Sumpf-Derby).

Berücksichtigt werden von diesen drei Hengsten alle Hengst- und Stut-Nachkommen, die im Alter zwischen zwei und fünf Jahren mindestens ein Rennen gewonnen haben und die überwiegend von inländischen Trainern auf ihre Rennen vorbereitet wurden (Stichtag ist der 21.06.2004).

Tabelle 1 zeigt in absoluten Zahlen, wie viele siegreiche Nachkommen der drei führenden Vaterpferde jeweils berücksichtigt wurden, wie viele Siege insgesamt und auf welchen Geläufzuständen sie bisher errungen wurden (f = „fester“ und „harter“, g = „guter“, w = „weicher“, t = „tiefer“ Boden; sb = Sandbahn, ub = unbekannter Geläufzustand).

Tabelle 1:

Sieger

Siege

f

g

w

s

t

sb

ub

Lomitas

127

298

6

140

106

31

1

9

 

Monsun

106

250

0

109

87

34

3

15

2

Tiger Hill

11

16

0

8

8

0

0

0

 



Die Zahlen der Tabelle 1 legen nahe, dass Monsun-Nachkommen gegenüber Lomitas-Nachkommen auf schwereren Bodenverhältnissen tendenziell erfolgreicher sind. Tiger Hill ist wegen der seiner relativ geringen Nachkommenzahl kaum schon zu beurteilen.

In Tabelle 2 werden zur Verbesserung der Aussagekraft Prozentanteile der Siege auf den verschiedenen Bodenverhältnissen ausgewiesen. Diese Prozentsätze sind auf die jeweilige Nachkommenzahl proportionalisiert (analog zu den Auswertungen zu den Distanzpräferenzen in „Investieren in Vollblut“, RHOMBOS-Verlag, Berlin, ISBN 3-937231-08-0). Dies bedeutend: hat ein Pferd je ein Rennen auf gutem und schweren Boden gewonnen, so hat er jeweils 50 Prozent seiner Siege auf diesen Bodenverhältnissen erreicht. Hat ein Pferd zwei Rennen auf gutem und ein Rennen auf der Sandbahn gewonnen, so geht er einmal mit 66,7 Prozent für guten Boden und einmal mit 33,3 Prozent für den Sandboden in die Durchschnittsberechnung über alle Nachkommen eines Vaterpferdes ein.

Tabelle 2:

f

g

w

s

t

sb

ub

Lomitas

2,2

49,3

35,5

7,4

0,8

3,9

0,9

Monsun

0,0

43,8

35,8

11,6

1,2

6,9

0,6

Tiger Hill

0,0

45,5

54,5

0,0

0,0

0,0

0,0



Tabelle 2 verdeutlicht und bestätigt im Wesentlichen das Interpretationsergebnis der Tabelle 1: Monsun-Nachkommen sind mit zunehmend durchlässigeren Geläufverhältnissen den Lomitas-Nachkommen überlegen. Tiger Hill-Nachkommen sind bei „normalen“ Bodenverhältnissen im Bereich „gut“ bis „weich“ in etwa gleich gut, zur Eignung für extreme Bodenverhältnisse können Tiger Hill-Kinder noch nicht beurteilt werden.

Bei der Interpretation der Prozentsätze ist allerdings Vorsicht geboten: es ist nicht bekannt, wie sich alle ausgetragenen Rennen auf die verschiedenen Geläufverhältnisse verteilen, hier deuten sich aus den o. a. Zahlen nur erste Tendenzen an. Extreme Bodenverhältnisse (fest bis hart, schwer bis tief) sind zumeist jahreszeitlich bedingt und absolut selten, deshalb können die ausgewiesenen Prozentsätze durch sog. „statistische Basiseffekte“ überproportional verzerrt sein.


Eine ausführliche Analyse möglicher erblicher Einflüsse von Vaterpferden auf die Geläufpräferenzen ihrer Nachkommen ist in Arbeit und wird wahrscheinlich Mitte August in den „Studien zum Vollblutsport“ veröffentlicht werden – die interessierten Leser werden rechtzeitig über eine „Turftreff-News“ informiert werden.