Vorwort

In Berlin wurde 1940 vom Union-Klub eine Broschüre mit dem Titel "Fingerzeige für angehende Vollblutzüchter" herausgegeben. Verfasser dieser Schrift war der seinerzeit herausragende Hippologe K. Graf von Sponeck.

Später dann gab das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen in Köln - quasi als moderne Fortführung - die Broschüre "Die Vollblutzucht" heraus, als zweite, verbesserte Auflage zuletzt 1976.

Wenigstens noch zur Zeit der Herausgabe der ersten Broschüre stand das Pferd allgemein noch mehr im Mittelpunkt breiter Bevölkerungsschichten (incl. des Militärs und des Staates), weshalb auch Erkenntnisse, welche in den großen Gestüten der damaligen Zeit gewonnen wurden, vielfach zeitlos sind und auch dem Vollblutzüchter heutiger Zeit wertvolle Informationen geben können.
Andererseits hat sich nicht nur die Gesellschaft seit damals dramatisch gewandelt, auch die Rahmenbedingungen heute sind durch zunehmende Internationalisierung, die EU-Politik - wenigstens durch veränderte Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft und teilweise auch gänzlich andere Verhältnisse auf den Rennbahnen in Europa andere geworden.

Daneben haben sich die großen Vollblutgestüte auch immer sehr schnell Erkenntnisse aus den Gebieten Biologie, Agrarwissenschaften, Veterinärmedizin, Ernährungsphysiologie und Genetik zu eigen gemacht und praxisnah umgesetzt.

Es soll deshalb an dieser Stelle der Versuch unternommen werden, aufbauend auf den beiden oben genannten Schriften, dem praktischen Vollblutzüchter einige Hinweise an die Hand geben zu wollen, die ihm als nützlich erscheinen mögen. Vollblutzüchter, welche ihre Pferde in einem Pensionsbetrieb untergebracht haben, sollen - so die Hoffnung des Verfassers - durch die vorliegenden Zeilen in die Lage versetzt werden, den Pensionsbetrieb ihrer Wahl auch "fachlich" ein wenig besser verstehen zu lernen.

Dabei kann dieser Text die einzelnen Fachthemen natürlich nur anschneiden, dem interessierten Leser bleibt empfohlen, sich bei tieferem Interesse der Sachthemen der einschlägigen Literatur zu bedienen, wobei eine Auswahl jeweils am Ende des entsprechenden Kapitels hilfreich sein mag.

Hartmut Rolofs
Gestüt Rietberg, im Januar 2006



Die Zuchtgeschichte des englischen Vollblutpferdes

Menschen als Nation sind nur zu begreifen aufgrund ihres historischen Werdeganges und ihrer geographischen Verteilung. Dies gilt in noch stärkerem Maß auch für jede Tierzucht und es erscheint als unabdingbare Maßnahme nötig, der Zucht und Aufzucht von Rennpferden ein Kapitel über den bisherigen Werdegang der Rasse voranzustellen. Bestimmte Merkmale des Vollblüters lassen sich nämlich nur aus der langen Geschichte seines Werdens erklären.

Bei den folgenden Ausführungen hat der Verfasser sich weitgehend und wie der Name "englisches Vollblut" vorgibt, auf die zuchtgeschichtlichen Aspekte im Mutterland der Vollblutzucht selbst gestützt und lediglich wichtige Punkte der Zuchtgeschichte Deutschland betreffend hinzugenommen.

Der Werdegang der Vollblutzuchten in wichtigen Ländern wie Frankreich, Irland oder Amerika wurde dagegen bewusst negiert, um die vorliegende Arbeit nicht ausarten zu lassen.
Ursprung aller heute lebender Pferderassen ist das Przewalskipferd, aus den Steppen Asien stammend, welches ursprünglich in wenigstens drei Unterarten vorkam (Steppentarpan, Waldtarpan, Przewalskipferd) von denen leider jedoch die Tarpan-Unterarten ausgestorben sind (die letzte wildlebende Tarpanstute wurde 1876 von einem Bauern getötet) und auch das Przewalkipferd in freier Natur nicht mehr zu finden ist, sondern in zoologischen Gärten und neuerdings durch AuswiIderungsversuche, als Rasse bewahrt wird.

55 v. Chr. : Julius Caesar landet mit Truppen in Britannien. Bei diesem Unternehmen dabei ist auch Kavallerie auf orientalischen Pferden (numidische Reiter) Nicht viel später loben Schriftsteller bereits die schnellen Pferde Britanniens - ein Zeichen dafür, dass orientalische Pferde hier zur Wirkung gekommen sind.

206 n. Chr. bis 210 n. Chr. : Es finden Pferderennen der Römer in Weatherby bei York statt.

1190 : Richard Löwenherz nimmt am Kreuzzug teil und paart später erbeutete orientalische Hengste mit einheimischen Stuten.

1377 : Erste zuverlässige Rennbeschreibung in England - leider ohne Ortsangabe.

Mittelalter: Pferderennen als Volksbelustigung sind auch für die mittelalterlichen Städte Deutschlands belegt.

1509 : Unter Heinrich VIII werden im königlichen Gestüt Hampton Court besondere Paddocks zur Rennpferdezucht eingerichtet.

1565 : Thomas Blunderville fordert in England eine Systematisierung und Veredlung der Pferdezucht durch orientalische Hengste.

1590 : Nachrichtlich erste Rennen in York.

1595 : Nachrichtlich erste Rennen in Doncaster.

1603 : Unter Jakob I. bedeutende Importe orientalischer Hengste.

1660 : Unter Karl II. werden etwa vierzig orientalische Stuten, die sogenannten "Royal mares", eingeführt. Man nimmt heute an, dass bis 1750 etwa 60 bis 80 orientalische Stuten und eine bedeutend größere Zahl an Hengsten (Vollblutaraber, Berber, Perser, Spanier etc.) eingeführt wurden.

1665 : Die King's- bzw. Queen's Plate, also königliche Rennpreise, werden bei Rennen in Newmarket eingeführt, die in Zukunft für die Prüfung des Zuchtpferdes eine große Rolle spielen und einen finanziellen Anreiz schaffen.

1672 : Nachrichtlich erste Rennen in Liverpool.

1689 : THE BYERLY TURK, einer der Stammväter der Vollblutzucht, wird einge-führt.

1706 : THE DARLEY ARABIAN, ebenfalls ein Stammvater der Vollblutzucht, wird eingeführt.

1711 : Einweihung der Rennbahn in Ascot.

1712 : Erstes Rennen für Fünfjährige in York.

1716 : Erster - offizieller - Rennbericht der Rennen von Newmarket.

1727 : "An Historical List of all Horse-Matches Run for England and Wales" von John Cheny wird veröffentlicht. Es handelt sich dabei um 24 Bände, die als Vorläufer des Racing-Calendars zu betrachten sind. Ab 1741 werden auch die Rennen in Irland aufgeführt.

1730 : GODOLPHIN ARABIAN, ein weiterer Stammhengst der Vollblutzucht, wird eingeführt. Nach Untersuchungen von CUNNINGHAM (1992) sollte den drei auch hier aufgeführten Stammvätern der englischen Vollblutzucht ein weiterer Hengst hinzugefügt werden: CURWEN BAY BARB (ein Berberhengst), der zwar nur über einen wesentlichen, dafür aber sehr fruchtbaren Abkömmling seine erblichen Eigenschaften in die Population tragen konnte.

         Nach Untersuchungen von CUNNINGHAM et.al. (1992) ist demnach in der heutigen Vollblutzucht mit folgenden Prozentsätzen der jeweilige Stammvater vertreten:

         GODOLPHIN ARABIAN 14,6 %

         DARLEY ARABIAN 7,5 %

         CURWEN BAY BARB 5,6 %

         BYERLY TURK 4,8 %

1728 : Erstmalig Rennen für Vierjährige, zuvor waren die Rennen für Fünfjährige, meist sogar erst für Sechsjährige und ältere Pferde ausgeschrieben.

1750 : Gründung des Jockey-Club in Newmarket.

1756 : Erstes Rennen für Dreijährige in Newmarket.

1758 : "Orders", vergleichbar unserer Rennordnung, werden erstmalig veröffentlicht.

1760 : Gründung des Tattersalls in London.

1764 : Geburt des Ausnahmepferdes ECLIPSE (Marske - Spiletta v. REgulus; Züchter: Duke of Cumberland).

1765 : Erstes Rennen für Dreijährige in Irland.

1766 : Erstmals wird der Gold-Cup in Doncaster gelaufen.

1773 : Erster Band des Racinq-Calenders von Weatherby erscheint. Erstmalig auch die Ausschreibung eines Rennens für Zweijährige und ältere (in Newmarket) - allerdings war noch kein Zweijähriger beteiligt!

1778 : Erstes St. Leger in Doncaster.

1779 : Erste Oaks in Epsom.

1780 : Erstes Derby in Epsom.

1781 : Einführung von Handicaps aus wirtschaftlichen Gründen.

1784 : Einführung eingetragener Farben für den Jockeydress.

1785 : Erstes kleines Handicap-Rennen in Newmarket.

1786 : Erstes bedeutendes Rennen für Zweijährige in Newmarket.

1787 : Erstes Handicap in Irland.

1788 : Englische Vollbluthengste werden - allerdings nur zur Veredlung – im preußischen Hauptgestüt Neustadt/Dosse eingesetzt.

1791 : Erstes Zweijährigen-Rennen in Irland.

1793 : Erster Jahrgang Sporting-Magazine. Erstes Rennen für Jährlinge.
Erstes General Stud Book, herausgegeben von James WEATHERBY mit 137 Ursprungsstuten, wovon inzwischen aber 89 Linien ausgestorben sind und nach LÖWE heute etwa noch 25 Linien größere Bedeutung haben.

1809 : Erstmalig 2000 Guineas-Stakes in Newmarket.

1812 : Anlage der Paddocks im königlichen Gestüt Hampton Court für 50 Vollblutstuten.

1814 : Erstmalig 1000 Guineas-Stakes in Newmarket.

1816 : Graf Plessen-Ivenack kauft den ersten Hengst für die deutsche Vollblutzucht (DICK ANDREWS, geb. 1811).

1818 : Baron Gottlieb Biel führt seinen ersten Vollbluthengst für eine eigene Vollblutzucht nach Deutschland ein.

1822 : Erstes deutsches Pferderennen in Doberan (Mecklenburg).

1823 : Die Stutenherde der Gebrüder Biel umfasst bereits 23 Vollblutstuten.

1829 : Rennbahn Berlin eingeweiht.

1831 : Der Jockey-Club macht bekannt, dass alle von ihm erlassenen Renngesetze - zunächst nur für Newmarket - Geltung haben. Vollblutgestüt Harzburg gegründet.

1833 : Die ersten 5 Vollblutstuten des preußischen Staates werden in Graditz (seit dem 17. Jhdt. kurfürstlich-sächsisches Gestüt) angeschafft.

1834 : Wie heute noch üblich, werden ab diesem Jahr das Alter der Vollblüter ab 1. Januar berechnet. Das erste Union-Rennen findet in Deutschland statt.

1835 : Rennbahn Hamburg eingeweiht. Herausgabe des ersten deutschen Rennkalenders.

1836 : Erste Liverpool Grand National Steeplechase. Rennbahn Düsseldorf eingeweiht.

1840 : Erstmalig Coronation Stakes in Ascot. Norddeutscher Jockey-Club gegründet.

1842 : Erstes "Allgemeines Deutsches Gestütbuch" mit 779 Stuten herausgegeben.

1846 : Erstmalig Gimcrack-Stakes für Zweijährige. Erstes Renn- und Wettreglement des preußischen Staates.

1855 : Admiral Rouse wird Handicapper des Jockey-Club.

1857 : Erstmalig Preis der Diana.

1858 : Rennbahn Baden-Baden eingeweiht.

1860 : Verbot der Jährlingsrennen (bis heute).

1866 : Vollblutgestüt Graditz gegründet.

1867 : Gründung des National Hunt Comitee. Union-Klub wird Nachfolger des Norddeutschen Jockey-Club.

1868 : Rennbahn Hoppegarten eingeweiht.

1869 : Gestüt Schlenderhan als ältestes deutsches Privatgestüt gegründet. Erstes Deutsches Derby.

1871 : Erstes deutsches 2000 Guineas-Rennen (Mehl-Mülhens-Rennen) in Deutschland.

1874 :  Wunderstute KINCSEM (Cambuscan - Waternymph v. Cotswold, Züchter: E. von Blaskovitch) geboren.

1875 : Erster Wochenrennkalender herausgegeben.

1881 : Erste Gewichtsskala des Admiral Rouse. Erstes deutsches St. Leger.

1887 : Georg Graf von Lehndorff wird preußischer Oberlandstallmeister - er ist einer der bedeutendsten Hippologen seiner Zeit.

1888 : Erster Totalisator.

1897 : Beginn der Invasion amerikanischer Jockeys in England.

1898 : Federico Tesio - der "Zauberer von Dormello" - beginnt mit seiner Vollblutzucht.

1899 : Einführung der australischen Startmaschine in England.

1906 : Neue Gewichtsskala in England veröffentlicht.

1907 : Gestüt Ravensberg gegründet.

1912 : Burchard von Oettingen wird preußischer Oberlandstallmeister - in ihm hat die deutsche Vollblutzucht einen bedeutenden Befürworter.

1913 : Der berühmte Jersey Act: amerikanische Rennpferde waren vermehrt nach England gekommen, insbesondere Nachkommen von LEXINGTON waren in der Abstammung jedoch zweifelhaft. Somit wurden nunmehr keine amerikanischen Vollblüter zweifelhafter Abstammung mehr eingetragen. Der Jersey Act wurde (zum Glück) erst sehr viel später wieder aufgehoben.

1913 : PHALARIS (Polymelus - Bromus v. Sainfoin, Züchter: Lord Derby) geboren.

1919 : Erste deutsche 1000 Guineas.

1920 : PHAROS (Phalaris - Scapa Flow v. Chaucer, Züchter: Lord Derby) geboren.

1925 : Gründung des Gestüts Röttgen.

1930 : HYPERION (Gainsborough - Selene v. Chaucer, Züchter: Lord Derby) geboren.

1933 : Oberste Behörde für Rennen als Nachfolger des Union-Klubs. Gustav Rau wird - letzter - preußischer Oberlandstallmeister.

1935 : NEARCO (Pharos - Nogara v. Havresac, Züchter: Tesio-Incisa) geboren.

1937 : SCHWARZGOLD (Alchimist - Schwarzliesel v. Oleander, Züchter: Gestüt Schlenderhan) geboren.

1943 : NASRULLAH (Nearco - Mumtaz Begum v. Blenheim, Züchter: HH Aga Khan) geboren.

1944 : TENERANI (Bellini - Tofanella v. Apelle, Züchter: Frau L. Tesio) geboren.

1945 : BIRKHAHN ( Alchimist - Bramouse v. Capiello, Züchter: Frau M. von Heynitz) geboren.

1947 : Das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen wird Nachfolger der Obersten Rennbehörde.

1950 : NATIVE DANCER (Polynesian - Geisha v. Discovery, Züchter: A.-G. Vanderbilt) geboren.

1952 : RIBOT (Tenerani - Romanella v. El Greco, Züchter: Ormello-Olgiata Stud) geboren.

1954 : NEARCTIC (Nearco - Lady Angela v. Hyperion, Züchter: E.P. Taylor) geboren.

1961 : NORTHERN DANCER (NEARCTIC - Natalma v. Native Dancer, Züchter: E.P. Taylor) geboren.

1972 : In Zusammenarbeit mit England, Irland, Frankreich und Italien beschließt Deutschland ein System von sog. Gruppe-Rennen zwecks Vergleichs des besten Rennpferdematerials auf höchster Ebene.

1974 : SURUMU (Literat - Surama v. Reliance II, Züchter: Gestüt Fährhof) geboren.

1976 : Königsstuhl (Dschingis Khan - Königskrönung v. Tiepoletto, Züchter: Gestüt Zoppenbroich) als bislang einziger deutscher Triple Crown-Sieger geboren.

1985 : Beitritt Deutschland's zum EBF wird beschlossen und führt unter Züchtern und Rennstallbesitzern zu einer steigenden Nachfrage frühreif gezogener Pferde.

1991 : Zusammenlegung der Vollblutstutbücher von BRD und DDR.

 

Quellennachweis:

CUNNINGHAM et.al.; Die Genetik des Vollbluts, 1992, in Vollblut Heft Nr. 130 - Juni 1992, Deutscher Sportverlag.

DIREKTORIUM FÜR VOLLBLUTZUCHT UND RENNEN (Hrsg.); Die Vollblutzucht der Welt, 1970, Podzun-Verlag.

OETTINGEN VON B.; Das Vollblutpferd, 1920, Verlagsgesellschaft Paul Parey.

ROLOFS H.; Genetische Grundlagen und Selektionskriterien in der Vollblutzucht,
1995, Script des Vollblutgestütes Rietberg

ROLOFS H:; Die Ursprünge der Pferdezucht, 2005, in Pferd & Zucht, Ausgabe 1/2006, 1. Jahrgang, Minerva-Verlag.